Erfahrungen im Latein-Studium
An dieser Stelle möchte ich für diejenigen, die sich für ein Studium des Faches Latein interessieren, einfach mal erzählen, „wie das denn so ist“.
Ich selbst habe Latein als Lehramtsfach für die Sekundarstufe II in NRW studiert bzw. bin noch dabei und habe nur noch mein Examen vor mir. Einige Dinge haben sich natürlich durch die Einführung der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge verändert, aber die grundlegenden Inhalte und Anforderungen bleiben doch ziemlich gleich.
Meine Erfahrungen durfte ich an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und an der Universität zu Köln sammeln.
Was brauche ich, um ein Lateinstudium zu beginnen?
Zunächst natürlich das Latinum – dies dürfte aber wohl jeder haben, der sich für ein Studium des Faches Latein ernsthaft interessiert. Eine größere Hürde dürfte wohl das Graecum bedeuten. Glücklich kann sich derjenige schätzen, der es wie ich an der Schule bekommen hat. Denn wenn man zusätzlich zu seinen normalen Fächern noch drei oder mehr Semester Griechisch pauken darf, ist das schon eine enorme Belastung.
Aber auch in modernen europäischen Fremdsprachen sollte man fit sein, denn wie in anderen Studienfächern auch liegt die Literatur nicht immer in deutscher Sprache vor.
Dann braucht es natürlich noch die Lust darauf, die antiken Texte zu lesen und zu interpretieren, und die Bereitschaft, viel Zeit in vorbereitendes Übersetzen zu stecken. Latein ist ein ziemlich aktives Fach – wer lieber passiv in Vorlesungen sitzt, ist hier falsch.
Wer studiert denn eigentlich Latein?
Die Sorge, dass hier nur weltfremde Freaks zu finden sind, ist ziemlich unbegründet. Gerade in Köln sitzen zu über 90% sehr normale Studenten in den Veranstaltungen. Die meisten studieren Latein auf Lehramt. Interessanterweise kombinieren viele Latein mit Sport – getreu dem Motto „mens sana in corpore sano“.
Hier und da gesellt sich dann mal ein Seniorenstudent / Gasthörer dazu, und ganz selten gibt es tatsächlich den klassischen Elfenbeinturmbewohner.
Was wird im Studium gemacht?
Zum größten Teil wird übersetzt – in beide Richtungen – und interpretiert. Um einige Kernbereiche wird man an keiner Uni vorbei kommen, andere Bereiche können je nach Interesse freiwillig besucht werden.
Wichtig sind natürlich die Sprach- und Übersetzungsübungen. Fließend Latein zu sprechen wird aber auch an der Uni üblicherweise nicht gelehrt: bei einer „toten“ Sprache liegt der Schwerpunkt nun einmal anders. Trotzdem darf man in mehreren aufeinander aufbauenden Übungen vom Deutschen ins Lateinische übersetzen. Für viele Studenten ist das der erste Kulturschock, da dies an den Schulen heutzutage kaum noch gemacht wird. Diese Veranstaltungen nennen sich beispielsweise „Repetitorium der lateinischen Schulgrammatik“ oder auch „Lateinische Stilübungen“. An meinen beiden Unis war es jeweils so, dass drei Übungen davon im Grundstudium absolviert werden mussten, im Hauptstudium nur noch eine. Wer die Abschlussklausur nicht schafft, muss wiederholen. Dort kann man also gut Zeit verlieren. Dabei werden „nur“ Prosatexte, beispielsweise von Caesar oder Cicero, ins Lateinische übersetzt. In der anderen Richtung gibt es nur eine Übung pro Studienabschnitt, meist als Klausurenkurs gestaltet. Dabei wechseln sich Klausur und Besprechung derselben wöchentlich ab. Vor dem Examen kommen hier auch die poetischen Texte an die Reihe, die deutlich schwerer sind. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass bei all diesen Klausuren im Gegensatz zu einer Latein-LK-Abi-Klausur kein Wörterbuch verwendet werden darf?
Zum Übersetzen gibt es noch mehr Gelegenheiten. Lektürekurse müssen ebenfalls in einem gewissen Umfang belegt werden. Dort wird ein bestimmter Text eines Autors ein Semester lang so weit wie möglich übersetzt. Gelegentlich werden auch inhaltliche Aspekte besprochen, die nicht ohne Weiteres verständlich sind. Die Lektürekurse erfordern viel Arbeit daheim, denn bis zu ca. 100 Verse wollen Woche für Woche vorbereitet sein. Da Latein kein Massenfach ist, kann man hier nicht hoffen, beim Übersetzen nicht dran zu kommen. Anderthalb Stunden pro Sitzung sind bei manchmal nur zwei Teilnehmern (meistens sind es aber einige mehr) bieten keine Gelegenheit, sich vorm öffentlichen Vortragen der eigenen Übersetzung zu drücken.
Einen großen Teil seiner Scheine macht man in Proseminaren (im Grundstudium) und Hauptseminaren (im Hauptstudium). Im einfachsten Fall gestaltet sich ein Seminar ähnlich wie ein Lektürekurs, denn auch hier wird üblicherweise ein Werk eines Autors zugrunde gelegt. Gleichzeitig wird aber der Schwerpunkt vermehrt auf die Interpretation der Textpassagen gelegt, die vorzubereiten waren. Daher sollte man auch einen Blick in die dazu passenden Kommentare werfen, denn viele mythologische Anspielungen – und die kommen ständig vor – oder historische Hintergründe sind sonst nicht ohne weiteres erkennbar oder verständlich. Auch hier erfordert die Vorbereitung also viel Zeit. Manchmal wird die ganze Passage übersetzt, manchmal nur kleine Auszüge, dafür dann eine Gliederung erstellt und mehr interpretiert. Das hängt stark vom jeweiligen Dozenten ab.
In Seminaren muss man meistens ein Referat halten und dann im Anschluss an das Semester, um einen Schein zu bekommen, eine Hausarbeit schreiben. Der Umfang kann im Grundstudium bei bis zu 15, im Hauptstudium bei bis zu 30 Seiten liegen. Ich erwähnte eben die Kommentare und weiter oben die Fremdsprachenkenntnisse. Ohne Englisch geht es gar nicht; die meisten sehr wichtigen modernen Kommentare sind in englischer Sprache verfasst. Glücklicherweise ist Deutschland nicht nur das Land der Dichter, sondern auch das der Denker, und so haben sich natürlich auch viele Deutsche der Kommentierung wichtiger Werke gewidmet und dies dankenswerterweise in deutscher Sprache getan. Viele Kommentare liegen aber auch auf Latein vor. Wer jetzt schaudert und sich fragt, wie man einen lateinischen Text besser verstehen soll, wenn der Kommentar auf Latein geschrieben ist, den kann ich beruhigen. Die lateinischen Kommentare sind in sehr einfacher und gut lesbarer Sprache geschrieben. Sinnvoll ist das schon: schließlich kann so jeder den Kommentar lesen, der sich ohnehin mit Latein beschäftigt. Hier und da gibt es noch ein paar französische Kommentare. Ganz selten kamen mir auch noch Italienisch und Niederländisch unter. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Deutsch, Englisch und Latein ausreichen sollten für die wichtigen Kommentare.
Dann gibt es noch diverse Einzelveranstaltungen, die ebenfalls Pflicht sind. Zu Beginn des Studiums werden in einem Einführungsseminar die speziellen Methoden des Faches vorgestellt. Man lernt beispielsweise, wie die Texte überliefert worden sind und wie textkritische Ausgaben zu lesen sind.
Pflicht ist auch ein Metrik-Kurs. Hier werden die wichtigsten und ein paar seltener vorkommende Versmaße eingeübt. Die größte Bedeutung kommt dem Hexameter und dem elegischen Distichon zu. Gerade der Hexameter sollte aus der Schulzeit noch bekannt sein. Bei anderen Dichtern wie Catull oder Horaz kommen ganz andere Versmaße vor, und auch die lernt man im Metrik-Kurs.
Abgerundet wird das Pflichtprogramm dann noch durch Übungen zur Sprachgeschichte oder – für Lehrämtler – Seminare zur Fachdidaktik.
Literaturgeschichtliche Zusammenhänge, zum Beispiel zu Epochen und Gattungen, aber auch Hintergründe zu bestimmten Werken und Autoren, werden in Vorlesungen vermittelt. Hier kann man wirklich passiv im Hörsaal sitzen, zuhören und mitschreiben.
In den Sprachübungen geht es in erster Linie um das klassische Latein zur Zeit von Caesar und Augustus. In Seminaren und Lektürekursen können auch Autoren aus vor- und nachklassischer Zeit behandelt werden, deren Sprache und Vokabular sich zum Teil unterscheiden können. Wer sich eher für das Latein des Mittelalters interessiert, kann das je nach Uni, wenn überhaupt etwas in diesem Bereich angeboten wird, als eigenständigen Schwerpunkt belegen oder auch nur in einzelne Veranstaltungen hineinschnuppern. Weitere Randgebiete, die nicht belegt werden müssen, aber je nach Interesse belegt werden können, sind beispielsweise Numismatik (hat mit Münzen zu tun) oder Papyrologie.









